Raunächte, Rauhnächte, "tote Tage", „Zeit zwischen den Jahren“ und "wilde Jagd"

Raunächte, Rauhnächte, "tote Tage", „Zeit zwischen den Jahren“

Schon die Germanen feierten mit dem Julfest, der Wintersonnenwende, die Geburt der Sonne sowie die Geburt des neuen Jahres – eine Zeit, in der die Tage langsam wieder länger werden, eine Zeit, in der das Licht noch mit der Dunkelheit kämpft, über die es letztlich siegen wird.

Die Rauhnächte (auch Raunächte oder Rauchnächte), zwölf Nächte (auch Zwölfte), Glöckelnächte, Innernächte oder Unternächte sind einige Nächte um den Jahreswechsel, denen im europäischen Brauchtum eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Nach dem Volksglauben zogen sich die stürmischen Mächte der Mittwinterzeit zurück, die „wilde Jagd“ begab sich am Ende der Rauhnächte zur Ruhe. Die Rauhnächte sind daher mit dem Brauch verknüpft, die dunklen Dämonen des Winters zu vertreiben.

Heidnische Mythen und christliche Rituale

Uralte heidnische Mythen der Kelten und Germanen treffen auf christliche Rituale: Zum Jahreswechsel sind mit den Rauhnächten überlieferte Bräuche auch noch heute fest verwurzelt. Ihre Ursprünge liegen lange zurück. Die Germanen und Kelten etwa verehrten die Natur mit ihren Bäumen, Flüssen und Bergen in besonderen Ritualen.

Da der germanische Mondkalender pro nur 354 Tage umfasste und sich zum Sonnenjahr mit 365 Tagen eine Differenz von 11 Tagen und 12 Nächten ergab, wurden diese 11 Tage zwischen Ende des einen und Beginn des neuen Jahres als "tote Tage" eingeschoben. Diese Tage waren Tage außerhalb der Mondmonatsrechnung – eine Zeit außerhalb der Zeit. Auch heute sprechen wir noch von der „Zeit zwischen den Jahren“.

"Raunächte" wurde sie genannt, da sie sich im Jahreskreis in der Jahresnacht befindet – der dunkelsten Zeit des Jahres. Die Grenze zwischen diesen „Anderswelten“ und der Welt der Menschen war nach altem Glauben in den Rauhnächten offen: Rastlose Seelen und Geister, Hexen, Teufel und andere schaurige Wesen aus dem Jenseits trieben nun ihr Unwesen auf der Erde.

Totenheer und „wilde Jagd“

 

"Wild Hunt", Art by Iren Horrors Art

Es sind die Nächte Odins, der obersten Gottheit, die erfüllt waren vom Brausen des Sturmwindes, vom Bellen der Hunde, Wiehern der Rösser und Wehklagen der Walküren, eine Zeit, in der jede Tätigkeit ruhen mußte. Zur Mitte der Zwölfnächte soll die „wilde Jagd“ aufbrechen. In dieser Zeit stehe das Geisterreich offen und die Seelen der Verstorbenen sowie die Geister haben Ausgang. Dämonen können Umzüge veranstalten oder mit der Wilden Jagd durch die Lande ziehen.

In einer Überlieferung wird die wilde Jagd vom germanischen Gott Odin, der auch „Wilder Jäger“ genannt wird, begleitet von seinen Raben Mugin und Munin („der Gedanke und die Erinnerung“) und seinen beiden Wölfen Geri und Freki („der Gierige und der Gefräßige“) und seiner Frau Frau Holle, die mit Freyja, Frigga oder auch mit Hel identifiziert werden kann, angeführt.

Frau Perchta / Frau Holle by Iren Horrors Art

In den Gegenden der Alpen entspricht Frau Holle der Wintergöttin Berchta (Perchta), welche den Perchtenläufen ihren Namen gibt.

Wir alle kennen Frau Holle aus dem beliebten Märchen der Gebrüder Grimm. Eine strenge, aber gerechte Frau, die es gar nicht mag, wenn jemand faul in den Tag hinein lebt. Nutzlosigkeit ist ihr zuwider. Sie bestraft die Faulen, die fleissigen, achtsamen Menschen hingegen belohnt Frau Holle reichlich. Die fleißige Spinnerin Goldmarie wird für ihre Taten belohnt, wobei im Gegenzug Pechmarie für ihre bequeme und oberflächliche Wesensart bestraft wird.  Sie ist die Schutzpatronin der Rauhnächte.

Als Anführer des Totenheeres rast Odin als wilder Jäger (hier auch Woutan, Wode, Heiljäger, Hackelbernt, Herne etc. genannt) mit bedrohlicher Wildheit und Aggressivität auf seinem Schimmel Sleipnir durch die Lüfte. Meistens zeigt er sich bei dieser Gelegenheit zu Pferde in Hut und Mantel. Das Totenheer saust durch die Lüfte mit starkem Wind, Gerassel, Schreien oder auch Heulen. Wer die „Wilde Jagd“ beobachtet, wird von ihr erfasst und mitgerissen. Nur wer sich auf die Erde wirft und sich festklammert, wird von der Gewalt des wütenden Heeres nicht mitgerissen. Vermutlich haben deshalb die alten Germanen die Gräber ihrer Toten mit schweren Steinen bedeckt, damit die Seelen der Verstorbenen ihre Ruhe finden und von der wilden Hatz des Totenheeres nicht mitgerissen werden können. Sobald der Sturm vorüber ist, zieht sich der Sage nach das Wütende Heer zum Gelage in die Berge zurück.

Opfer, Geschenke und Aufmerksamkeiten

Odin und Frau Holle kann man während ihrer Jagd aber auch gütlich stimmen und ihnen Reste vom Weihnachtsessen als Opfer bringen. Frau Holle schätzt es auch durchaus, wenn man ihr kleine Geschenke oder Aufmerksamkeiten macht. Vielleicht erweist sie sich dann im kommenden Jahr gnädig und erfüllt so manchen tief ersehnten Wunsch. Diese sind entweder vor die Tür oder – sofern vorhanden – unter den Obstbäumen im Garten bereitzulegen. Für gewöhnlich sind das Brot, Erbsen, Bohnen, Grütze, Kuchen, Gebäck, Mohn, Körner, Milch, Tabak und Schnaps. Für die eigenen Ahnen eigenen sich als Spenden eher Räucherstäbchen und ein Licht in einer Laterne.

Achtsamkeit, Ruhe und Rituale

Die Rauhnächte waren und sind heilige Nächte, in denen nicht gearbeitet, sondern beobachtet und mit Achtsamkeit wahrgenommen werden sollte. Diese besonders mystische Zeit war geprägt durch den Zugang zu anderen Welten. Orakeldeutungen und andere Rituale, um Einblicke in das Kommende zu gewinnen, haben sich bis in heutige Zeit erhalten. Auch den Ahnen wurde gedacht und sich vor den dunklen Mächten in Acht genommen.

Frau Holle oder eben Freya ist Schutzpatronin dieser Tage. Sie mag es normalerweise nicht, wenn jemand faul oder unnütz in den Tag hineinlebt, Sie ist sehr streng und achtet darauf, dass jeder seiner Bestimmung gemäß lebt und sich entsprechend entwickelt. Nur in diesen zwölf Tagen erlaubt Frau Holle, dass man sich ausruht und ganz auf sein Inneres und Wesentliches besinnt.

"Yuletide", Art by Iren Horrors Art

Um diese Zeit sollten die Menschen nicht den Unwillen der Geister erregen. Die Arbeit hatte jetzt zu ruhen, und die Menschen sollten Rückschau halten auf das vergangene Jahr und sich auf das Neue vorbereiten, um es gebührend zu empfangen.

Hängt jemand zu dieser Zeit weiße Wäsche auf, muss er damit rechnen, dass Odin sich ein Wäschestück schnappt, um es als Leichentuch für den Besitzer der Wäsche zu verwenden. In den Rauhnächten (und damit sind auch die Tage gemeint!) sollen wir uns still und unauffällig verhalten und keine wichtigen Arbeiten verrichten.

Säubern, Räuchern und orakeln

Die Bezeichnung „Rauhnächte“ kommt zum einen von „Rauch“ und „(aus-)räuchern“, zum anderen aber auch von wilden, haarigen Dämonen und Unholden, die nach altem heidnischen Brauch in dieser Zeit besonders lebendig „rauh/roh“ sind.

Jede der 12 Rauhnächte symbolisiert einen Monat des kommenden Jahres – die Träume in diesen Nächten sollen die Ereignisse des betreffenden Monats voraussagen.

Die Vorhersagen beziehen sich auf das kommende Jahr und dabei steht jede der Rauhnächte für einen Monat im kommenden Jahr: die erste für den Januar, die zweite für den Februar usw. Alles wird in diesen Tagen beobachtet, so kann man z. B. auch anhand des Wetters Prognosen für das kommende Jahr erstellen. Jeder Tag hat eine ganz besondere Qualität, besondere Fragen, mit denen man sich auseinandersetzt. 2 Tage sind dabei besonders wichtig: der 28. Dezember und der 5. Januar. An diesen Tagen kann man all das bereinigen, was während der Rauhnächte nicht so gut gelaufen ist.

Für die Germanen waren die Rauhnächte eine besondere, heilige Zeit, in der nicht gearbeitet wurde. Statt dessen nutzte man die Zeit für die Familie, zum Feiern und zum Orakeln. In Haus und Hof wurde ausgiebig geräuchert, um Mensch und Tier, Hab und Gut zu beschützen und Dämonen zu vertreiben. Der Ursprung des Wortes „Rauhnacht“ scheint nicht ganz geklärt zu sein, neben dem „Rauch“ für den Brauch des Räucherns kommt ebenfalls das Wort „haarig“ (rûch) in Betracht.

Überlieferungen, Traditionen und Gegenwart

Die Rauhnächte als Ritual werden heute in der Allgemeinheit jedoch nur noch vereinzelt begangen, da uns der Zugang zu Mythen und Unerklärlichem heute weitgehend verloren gegangen ist - während auf der anderen Seite aber die Dinge immer noch wie einst gehandhabt werden, nur in modernen Ausgaben. Früher veranstaltete man zu Sylvester lärmende Umzüge, um das Alte zu vertreiben, heute wird geknallt, was das Zeug hält um das Neue zu begrüßen.

Die Vorstellung der „wilden Jagd“ spiegelt sich noch heutzutage in den Perchtenläufen des Alpenraums wider. Eine andere Form der Perchten, aber regional davon getrennt und eigenständig sind die Glöckler. Auch der Brauch, zu Silvester Lärm zu erzeugen (Silvesterfeuerwerk), sollte die Unholde fernhalten, im Alpenraum wird in allen Rauhnächten auch geböllert. In Norddeutschland ist bis heute das Rummelpottlaufen verbreitet.

Die Rauhnächte sind ein heute noch vor allem in den Bergen lebendiger Brauch, der ungebrochen seit mindestens germanisch-keltischer Zeit besteht und möglicherweise noch älteren Ursprungs ist.

Obwohl Herkunft und Entwicklung der Rauhnächte-Überlieferung wissenschaftlich ungeklärt sind und der eigentliche Sinn der Rauhnächte heutzutage kaum noch gelebt wird, empfiehlt es sich, dass sich die Menschen gerade in dieser Zeit auch mal zurückziehen sollten und Rituale und Beisammensein gepflegt werden. Innehalten, sich auf sich selbst rückbesinnen, achtsamer werden und bei sich selbst, seinen Zielen und Vorstellungen ankommen.

 

"Yule Spirit", Art by Iren Horrors Art

Zu Jul beziehungsweise den Weihenächten lässt man alles hinter sich, was nicht mehr zu einem gehört. In den Rauhnächten beziehungsweise aus der Entwicklung der Zeit zu Silvester werden die guten Vorsätze für das nächste Jahr gemacht. Symbolisch nehmen die „Geister“ der Rauhnächte alles mit, von dem die Menschen sich getrennt haben.

 

 

 Titlepicture "Wild Hunt" by Iren Horrors Art

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