Super-Special-High-Speed-Gucci oder was funktioniert wirklich im Einsatz

"Lieber tot als uncool!"

Ok. Legt Euren E-Book-Reader mit „No Easy Day“ zur Seite, und zieht die „Super-special-forces-kommando-Hose“ aus, die ein Kommandosoldat 9 Monate in der Box anhatte und die ihr bei Ebay ersteigert.

Wir geben ein paar Denkanstöße für die Auswahl von Bekleidung und Ausrüstung – besonders für den aktiven Dienst. Zu aller erst: Wir sind schuldig! Auch wir haben den Grundsatz „lieber tot als uncool“ verinnerlicht. Als Obergefreiter in den Wäldern Süddeutschlands bis zum „schon etwas clevereren“ Hauptfeldwebel in Afghanistan kaufte ich oft Ausrüstung welche ich bei Spezialkräften irgendwo auf der Welt gesehen hatte. Der Gedanke war einfach. Wenn ein Kommandosoldat oder Special Forces Operator es vielleicht auch nutzte, dann rauche ich es erst recht. Bekleidung, Plattenträger, Brille, Handschuhe, Taschenlampe, „you name it!“. Erst als ich mich intensiver damit beschäftigte, das Training und die Ausbildung anspruchsvoller wurde, realisierte ich, dass der meiste Krempel unnötig und alles andere als brauchbar für meinen Auftrag war.

Auftrag und Ausrüstung versus High-Speed-Gucci-Gear

Am Anfang steht also der Auftrag! „Night Raids“ - Nächtliche Kommandooperationen, Pa­t­rouil­le in den Bergen Afghanistans, Aufklärung in Mali, Personenschutz oder Lagersicherung auf einem Turm?

Trägst Du spezielle Ausrüstung - leichtes oder schweres Maschinengewehr, Granatwerfer - bist Du Team-, Trupp-, Gruppen-, Zugführer, bist Du Kraftfahrer oder Combat First Responder / Combat Medic?

Und Faktor X. Faktor X? Faktor X – wie dämlich oder clever, wie Einsatzbezogen ist bzw. denkt Dein Team-, Trupp- Pa­t­rouil­lenführer, Dein Chef?! Wenn Faktor X kein Faktor ist, f… Dich, wie gerne wäre ich früher in Deiner Einheit gewesen.

Ausrüstungs- und Magazintaschen jeglicher Art

Wie viele Magazine Deiner Primärwaffe nimmt Deine Ausrüstung auf? Wie viele Magazine brauchst Du für Deine Auftragserfüllung? Wie hoch ist die Bedrohungslage? Wie werden die Magazine verstaut? Wie schnell sind sie Einsatzbereit? Zu sehen gibt es mannigfaltige Arten. Nach oben geöffnet, nach unten geöffnet, offene Magazintasche, Gummibandsicherung, Deckel mit Klett, Deckel mit Fastexschnalle, Verschluss mit Doppelsicherung. Doppelmagazin. Zusätzlich gesichert.

Was funktioniert für Dich? Was wird den Einsatzgrundsätzen (SOP – Standard Operating Procedures) Deiner Einheit/Teilheit am besten gerecht? Und Faktor X.

Unterscheiden sollten wir dabei in zwei Kategorien. „Wenn-ich-schnell-ran-muss“ und „Wenn-ich-ran-will“. Die „Wenn-ich-ran-will“-Magazine erreiche ich dabei nicht so schnell, dafür sind sie eventuell besser gegen Verlust gesichert – Stichwort Deckel. Die Sicherung der Magazine gegen Verlust ist essentiell für die Art des Auftrages und der Bedrohungslage. Egal ob mit Deckel und Fastex-Schnalle oder offen mit Gummibandsicherung, die „Wenn-ich-ran-will“-Magazine haben mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere Konfiguration als die „Wenn-ich-schnell-ran-muss“-Magazine. Faktoren bei der Auswahl der Magazintaschen bzw. der Sicherung gegen Verlust sind also: wie schnell komme ich an das Magazin?! Wie sicher ist es verstaut?! Wie gut ist meine Munition gegen Umwelteinflüsse geschützt?! Und Übung! Training, Training, Training und…. Training. Ausrüstung ist nichts. Ausrüstung ist Alles!

Und vergiss auch den taktischen Ansatz nicht. Also „schneller Magazinwechsel“ – NACHLADEN! und „taktischer Magazinwechsel“. Was zur Hölle ist eigentlich ein taktischer Magazinwechsel? Ist ein Magazinwechsel nicht immer taktischer Natur? Szenario 1: Ich vermute also – bestenfalls weiss ich es sogar – mein Magazin hat nicht mehr die volle Kapazität. Ich habe Zeit und unterliege in diesem Moment keiner unmittelbaren Bedrohung. Ich entnehme der Waffe das angebrochene Magazin, führe ein volles in die Waffe ein und verstaue das angebrochene in meiner Ausrüstung. Am besten nicht in einer meiner „Wenn-ich-schnell-ran-muss“-Magazintaschen. Szenario 2: Ich stehe unter unmittelbarer Bedrohung, im Feuerkampf, der Verschluss der Waffe verbleibt in hinterer Stellung, ich habe das Magazin leer geschossen. "MAGAZIN; MAGAZIN!" Ich entferne das leere Magazin schnellstmöglich und führe so schnell ich es nur irgendwie kann (Training, Training, Training und… Training) ein volles Magazin in die Waffe, lade sie fertig und nehme den Feuerkampf wieder auf. NACHLADEN! Waffe leer, neues Magazin rein, weiter geht’s. NACHLADEN!

Weitere Auswahlkriterien für Magazintaschen?! Passen meine Magazine?! Wie ist die Qualität?! Geht die Tasche kaputt, wie einfach ist zu abnehmbar, zu ersetzen, zu reparieren?! Geld spielt also auch eine Rolle. Investiere aber vielleicht lieber etwas mehr in Deine essentielle Ausrüstung als in die Stripperin, die sich ihr – bestenfalls – Studium damit finanziert.

Weitere Taschen – Zweitwaffe, Funk-, Admin-, Medic-, Universal-, Mehrzwecktaschen sollten unter den gleichen Gesichtspunkten ausgewählt werden. Macht es wirklich was ich brauche?! Schützt es, was es schützen soll?! Ist erreichbar, was erreichbar sein soll?! Und wie schnell?! Komm ich gut ran?! Kostet es weniger als das neue Telefon?! Ist es nur „fancy-combat-Shit“?! Und Faktor X!

Bekleidung - Combatshirt, Feldbluse und Kommandohose

Wenn Du die Möglichkeit hast Deine Einsatzbekleidung zu wählen, zu beschaffen, beschaffen zu lassen – Jackpot. Oder potentielles Desaster. Grundsätzlich sind Behörden „ich-kaufe-beim-günstigsten-Anbieter-Organisationen“ und deine Ausrüstung wird von einarmigen-blinden genäht (Kein Angriff gegen einarmige Blinde, oder Einarmige, oder Blinde!). Ausnahmen bestätigen die Regel!

Combatshirts sind weit mehr als nur „cool“ in der Hitze Afghanistans, des Irak oder irgendwo in Afrika. Aber die regulär dienstlich zur Verfügung gestellten sind alleine aufgrund des Kragens und der Ellenbogenschoner vermutlich direkt aus der Hölle. Oder eben so geworden wie jemand aus dem Büro sie beschrieben hat. Gleiches gilt absolut auch für die Hosen der „Infanterieausstattung“ – gleich wohl hier auch gilt: Immer noch besser als die „Kasernenuniform von 1980“. Andererseits ist die seit Jahren genutzte „KSK-Hose“ mittlerweile eher erschwinglich, teils sogar dienstlich geliefert und ist robuster und besser als manche überteuerte „Super-Duper-Special-Forces-Hose“ für über 300€ (CCcccchhhryyyye, hhhh). Wem zur Hölle passen eigentlich in die Hose integrierte Hartschalen-Knieprotektoren. Ich kenne keinen.

Kälte- und Nässeschutz behandeln wir besser separat, oder?!

Plattenträger und Schutzwesten

Darfst Du einen tragen (X-Faktor) oder bekommst gar einen dienstlich geliefert – GLÜCKWUNSCH! Andere hassen Dich dafür. Jedoch kann ein Plattenträgermodell meist nicht die gesamte Auftragslage abdecken („tailored-to-mission“), von Körpergröße und/oder -statur mal ganz abgesehen. Also werden auch hier die Faktoren bei der Auswahl eher vielfältig. Gibt es zur Verfügung gestellte Ballistik?! Größe und Art der Ballistik. Und nur nebenbei, Ballistik nachträglich in der Größe anpassen ist mehr als dämlich! Und hatte ich erwähnt das es furchtbar dämlich ist? Die meisten Plattenträger nehmen ESAPI-Platten in Standardgröße auf. Du bist eher klein oder gar sehr groß?! Welche Schutzklasse benötigst Du? Welche ist vorgeschrieben? Sind Deine ballistischen Schutzplatten ohne Traumaeinlagen nutzbar? Kommt die empfohlene oder auch befohlenen Schutzklasse nur mit zusätzlicher Weichballistik zu Stande? Sind Weichballistische Einlagen und ggf. Traumaeinlagen kompatibel mit der ballistischen Schutzplatte? Stichwort Beschusstest und Qualifizierung.

Und dann ist da noch der Kaufpreis. Ultra-leicht, ultra-robust, ultra-modular, ultra-ultra, alles hat seinen (berechtigten) Preis. Aber musst Du unbedingt die „Highspeed-Gucci-Speed-Platecarrier“ haben, nur weil Du in bei einem „Delta-Operator“ oder im „SEAL-Team 6“ gesehen hast? Hält der ultraleichte Super-Plattenträger Deinen mehrmonatigen Einsatz im sandig-staubigen Umfeld auf Pa­t­rouil­le stand? Oder ist er eben für einen schnellen Zugriff in einer Nacht-und-Nebel-Geheimaktion-fern-der-Heimat“ gemacht, bei dem Geld keine Rolle spielt?! Das ist eben ein grundsätzlicher Unterschied.

Schutzbrillen, Handschuhe, et cetera

Schutzbrillen sind ein sensibles Thema. Bis ca. 2008 hat man sich, selbst für die Einsatzkräfte der Bundeswehr in Afghanistan um Augenschutz von offizieller Seite kaum Gedanken gemacht. Um Einsatzkräfte z.B. der Polizei im Inland vermutlich immer noch nicht – von einigen Sondereinheiten mal abgesehen. Das ein Brillenmodell, selbst in unterschiedlichen Rahmengrößen, nicht jeder Kopf- und Gesichtsform gerecht wird ist fast eine Phrase. Dennoch gilt auch hier der Grundsatz „besser als nix!“. Aber der Mensch ist ein komisches Tier. „Lieber tot als uncool!“, X-Faktor. OAKLEY, REVISION, WILEY X, SMITH Optics Elite, SAVAGE, ESS, Swiss Eye, GATORZ, 5.11, BOLLE, EDGE Tactical, ….die Liste ist unendlich. An erster Stelle sollte der (zertifizierte?!) Schutz stehen. Schutz ohne Passform? Auftrag nicht erfüllt! Beschlägt die Brille schnell? Habe ich schnell wechselnde Lichtverhältnisse? Hubschrauber, urbanes Gelände? Photochromic! Bin ich Kraftfahrer hinter Fahrzeugscheiben? Eher kein Photochromic! Habe ich ständige Staubbelastung? Staubschutzbrille! Eis, Schnee, Kälte? Passt die Brille unter den Schutzhelm? Hält sie beim HALO-Fallschirmsprungeinsatz?

Handschuhe. X-Faktor, Feuerfest, Feuerbeständig, Echt Leder. Einsatz als Luftfahrzeugbesatzung? Kraftfahrer? Darüber hinaus Passform, „Griffigkeit“, Griffgefühl, „Fingerspitzengefühl“, Nutzbarkeit von Touchpads, Knöpfen und Touchscreens. Wohlfühlfaktor. Preis! Handschuhe sind „Nutzgegenstände“, sie werden verbraucht! Sind es also Handschuhe für 120€? Die 6 Monate im Einsatz halten! Oder günstige, robuste Klassiker wie die „Pilotenhandschuhe“ aka „Schieß- und Schutzhandschuh Spezialkräfte“?

Was ist eigentlich mit Helmadaptern für die Nachtsichtbrille? Dienstlich geliefert! Jaaaaaa, für den dienstlich gelieferten Helm. Aber das ist ein anderes Thema…

Was bleibt also unterm Strich?

Es sind immer die Vor- und Nachteile abzuwägen. Phrase! Es ist die eigene Tätigkeit, der Auftrag der Einheit und das Prinzip „KEEP IT SIMPLE STUPID“! Und Training, Training, Training und…. Training mit der Ausrüstung die auch im täglichen Einsatzauftrag getragen wird. TRAIN AS YOU FIGHT! Phrase! Und doch, wie oft habe ich Leute beobachtet, die im Training Ausrüstung weglegen oder weglassen um sich beim Training zu schonen. Von „MISSION ESSENTIELL“ über „ZUSATZAUSSTATTUNG“ bis hin zum „HIGHSPEED-GUCCI-COMBAT-GEAR“! Wie verhält sich das eigentlich beim Schießtraining, dem Autofahren, dem Fallschirmspringen und so weiter mit den Handschuhen, dem „Medic-Pack“, der San-Ausstattung (IFAK), dem Waffentrageriemen, der Uhr, dem GPS und so weiter, und so weiter……

Taschenlampe, Stirmlampe, GPS, Uhr, Kopf-Sprechsatz, Gehörschutz, Stiefel, ...

Und welche Farbgebung wird eigentlich vom nächsten Chef erlaubt?

Fortsetzung folgt.

 

 P.S.: Und was ist mit dem verdammten Basecap?

 

 

 

Inspiriert durch “Knowing what works vs. what looks cool. - A Letter to the Metrotactical Geardo“ von Brent Brabant

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